Weihnachten handelt nicht von einer heilen Welt

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Weihnachten begann in Nazareth, einem armen Bergdorf in Galiläa. Wie in Israel üblich, waren die Häuser aus Stein gebaut. Die Familie von Josef war im Baugewerbe tätig (griechisch „Tekton“: einer, der Häuser baut / Markus 6,3). Nachdem Josef mit 13 Jahren religionsmündig geworden war, sahen sich die Eltern wahrscheinlich, wie damals üblich, nach einer geeigneten Frau um. Mit Maria wurde man fündig. So wurden sie nach jüdischer Sitte verlobt.

Maria verbrachte 3 Monate bei ihrer Verwandten Elisabeth in Judäa (Lukas 1,56). Als sie zurückkam, war es offensichtlich, dass sie schwanger war. Für Josef brach eine Welt zusammen. Maria musste Ehebruch begangen haben. Für ihn gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder er machte seiner Verlobten den öffentlichen Prozess, der sogar mit dem Tod von Maria enden könnte, oder er trennte sich stillschweigend von ihr. Als frommer Mann entschied er sich für die stillschweigende Trennung (Matthäus 1,19).

Durch einen Engel erfuhr Josef im Traum, dass Maria nicht von einem anderen Mann schwanger war, sondern dass das Kind ein Wunder Gottes ist. Ein neuer, einmaliger Mensch war am Entstehen, nicht fassbar, nicht rational erklärbar. So nahm Josef Maria zu sich nach Hause. Das Ganze muss ziemlich überstürzt geschehen sein. Sicher war die Gerüchteküche voll im Gang und das junge Paar stand ziemlich unter Druck.

Zu allem Übel wollte jetzt auch noch Gajus Julius Cäsar Octavianus (31 v. Chr. – 14 n. Chr.) mit dem Zunamen Augustus seine Steuerlisten neu erfassen. Jeder musste sich an seinem Wohnort oder an dem Ort, an dem er einen Besitz hatte, einschreiben lassen. Da Josefs Familie aus Bethlehem stammte, musste er dorthin reisen. Die Juden durften ihr Familiengrundstück (bis auf ein Stadthaus) nach dem Gesetz nicht verkaufen, sondern höchstens eine Zeit lang verpachten (3. Mose 25,23.28). Im Erlassjahr bekam die Familie ihr Eigentum zurück. Anscheinend war Josef an einem solchen Familienbesitz mitbeteiligt. So zog er mit seiner schwangeren Frau Maria nach Bethlehem.

Wo die beiden in Bethlehem wohnten, lässt sich vom biblischen Text her nicht eindeutig identifizieren. Es heißt nur (Lukas 2,6): «Als sie dort waren (nicht „ankamen“), wurden ihre Tage erfüllt, dass Maria gebären sollte und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterschale, weil sie keinen Platz im Zimmer hatten.» Das Wort, das oft als Herberge übersetzt wird, kommt dreimal im Neuen Testament vor. Einmal im obengenannten Text, die beiden anderen Male beschreibt es den Raum, in dem Jesus das Abendmahl hielt (Markus 14,14/ Lukas 22,11). Aufgrund des Bibeltextes könnten Maria und Josef also auch in einem einfachen jüdischen Haus gewohnt haben. Zudem war es üblich, Reisende in die Häuser aufzunehmen, besonders wenn sie aus der Großfamilie kamen.

Die meisten Häuser für arme Leute waren Ein-Raum-Häuser. Sie hatten im unteren Bereich eine Nische für Kleintiere und über eine Treppe erreichte man einen höher gelegenen Boden, auf dem man schlief. Die Kleintiere waren anscheinend nicht da, und so bot sich die Krippe als gutes Bettchen an. Wie es ganz genau war, wissen wir nicht. Nach dem Matthäusevangelium wohnten Maria und Josef in einem Haus in Bethlehem (Matthäus 2,11).

Das Weihnachtsfest wurde erst im Jahr 354 in den römischen Festkalender aufgenommen. Origenes (gest. 254) wandte sich vorher scharf gegen die Feier des Geburtstags von Jesus. Denn im römischen Reich fand am 25. Dezember das Fest des Sonnengottes statt. Christi Geburt konnte auch kaum im Dezember stattgefunden haben, denn zu dieser Zeit wird es in den Bergen von Judäa oft kalt. Manchmal fällt sogar Schnee. Dann wären die Schafe vermutlich in den Häusern gewesen. Es ist zudem unwahrscheinlich, dass die Hirten während der Regenzeit auf dem Feld waren.

Ob die Weisen aus dem Morgenland direkt zur Geburt Jesu in Bethlehem ankamen, ist ebenso offen. Man nimmt heute allgemein an, dass mit dem Stern nicht ein Komet gemeint ist, sondern die große Konjunktion von Jupiter und Saturn im Jahr 7 v. Chr. und zweimal sichtbar war. Jesus wäre nach diesen Angaben im Frühling 7 v. Chr. geboren worden und hätte nach etwa einem halben Jahr Besuch von den Weisen aus dem Osten erhalten.

Schnell sind wir in der Gefahr, biblische Berichte nach unseren Vorstellungen auszuschmücken und zu idealisieren. Weihnachten handelt nicht von einer heilen Welt, sondern von einer Welt, die Heil braucht. Gott selbst kommt in Jesus auf diese Erde, um uns zu retten und uns zu helfen. Vieles bleibt ein Geheimnis und doch erfüllten sich biblische Voraussagen. Das Geheimnis des Glaubenden ist, dass er trotz offenen Fragen Gott vertraut, ihm begegnet und ihn erlebt.

Text Hanspeter Obrist / Bild: Engel und Hirten in der
franziskanischen Kapelle auf den Hirtenfeldern (Der es-Siar)

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