Tischa BeAw – Tröstet mein Volk

2013: 16. Juli

Der Tischa BeAw (9. Aw) gehört zu den vier Trauertagen im jüdischen Kalender, die der Zerstörung Jerusalems gelten. Der erste dieser vier Trauertage ist der 10. Tewet. Mit ihm begann die Belagerung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. Am 17. Tammus brachen die römischen Legionen in die Vorstadt Jerusalems ein. Wenige Wochen später, am 9. Aw, geschah unter dem damaligen General Titus die vollständige Eroberung Jerusalems, der Innenstadt und des Tempelbezirks. Dabei ging der Tempel in Flammen auf. Jerusalem wurde zerstört und der bis dahin überlebende Teil der jüdischen Einwohner wurde entweder grausam ermordet oder in Gefangenschaft und Sklaverei geführt. Der 3. Tischri, auch «Fasten des Gedalja» genannt, erinnert an die Ermordung des letzten jüdischen Statthalters unter Nebukadnezar. Dieser zerstörte Jerusalem am 9.Aw 586 v. Chr. und deportierte Juda nach Babylon.

Diese vier Trauertage gelten wie auch der Versöhnungstag am 10.Tischri (Jom Kippur) als Fastentage, an denen das jüdische Volk seine Betroffenheit und seinen Schmerz über die größte nationale Katastrophe in seiner Geschichte zum Ausdruck bringt. Nach Jom Kippur ist Tischa BeAw (9.Aw) der wichtigste Fastentag im jüdischen Jahr. Mit der Zerstörung des Tempels erlosch der Opferdienst. «Wir sind nicht mehr imstande, unsere Pflichten zu erfüllen in dem Haus, das du erwählt hast, in dem großen heiligen Hause, über dem dein Name genannt wird» (aus einem jüdischem Gebetsbuch).

Das Fasten
Das Fasten beginnt am Vorabend und dauert bis zum Abend des 9. Aw. In diesen 24 Stunden essen und trinken die Trauernden nicht. Während dieser Zeit sollen keine Lederschuhe getragen, keine öffentlichen Arbeiten verrichtet noch gekocht werden. Es ist auch nicht erlaubt, sich zu waschen, zu rasieren oder zu baden. Man unterlässt Spaziergänge und grüßt niemanden. Es ist auch Brauch, am 9. Aw die Friedhöfe zu besuchen. Einige benutzen in der Nacht vom 8. auf den 9. Aw statt eines Kopfkissens Steine oder dehnen das Fasten auf zwei Tage aus.

Gottesdienst
Der Toraschrein in der Synagoge hat an diesem Tag keinen Vorhang und die Betenden legen am Vormittag weder Gebetsriemen (Tefillin) noch Gebetsmantel (Tallit) an. Man liest nur die Stellen der Tora und des Talmuds, die von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels und von den Vorschriften für Trauertage handeln. Es werden vorwiegend Stellen aus dem Buch Jeremia gelesen.

Ende des Fastens
Nach der Mittagsstunde wird die Trauer um den Tempel gemildert. Alle Einschränkungen sind aufgehoben bis auf das Waschverbot und das Fastengebot. Bis zum Mittag des 10. Aw darf kein Fleisch gegessen und kein Wein getrunken werden, da der Tempel bis in den Nachmittag des 10. Aw brannte. Zum Ausklang des Tages wird Jesaja 55,7 gelesen: «Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.»

Dreiwöchige Fastenzeit
In der dreiwöchigen Trauerzeit vom 17. Tammus bis zum 9.Aw dürfen keine Fruchtsorten verzehrt werden, von denen man zuvor in diesem Jahr noch nicht gegessen hatte. Der Grund dafür ist, dass man dafür zuerst einen Segen sprechen müsste. Das passt aber nicht zur Trauer. Mit der gleichen Begründung darf man auch kein neues Gewand anziehen und kein Haus beziehen. Ebenso dürfen in den Trauerwochen keine Ehen geschlossen werden, da Hochzeiten ohne Fröhlichkeit, Ausgelassenheit und Tanz undenkbar sind.

Trauer im Alltag
Die Trauer um den Tempel begleitet jüdische Menschen ein Leben lang. So wird bei jeder Hochzeit ein kostbares Gefäß zerschlagen, oder zumindest ein Weinglas zertreten, als Zeichen der Trauer für den zerstörten Tempel. In Schmuckstücke wird absichtlich ein Fehler eingearbeitet. Beim Neubau eines Hauses sollte ein Teil über dem Eingang nicht verputzt oder angestrichen werden. Und auf der Sederplatte beim Passahmahl liegt seit der Zerstörung des Tempels ein gekochtes Ei sowie ein Knochen, die beide an das verlorene Festtagsopfer bzw. an das Ende des Opferdienstes aufgrund der Zerstörung des Tempels erinnern.

9. Aw als Schicksalstag
Am 9. Aw 586 v. Chr. wurde der Tempel durch Nebukadnezar zerstört. Am 9. Aw 70 n. Chr. wurde der Zweite Tempel Israels durch Titus vernichtet. Im Freiheitskampf der Zeloten unter Bar Kochba gegen Rom fiel die Festung Betar am 9. Aw 135 n.Chr. In Spanien mussten die Juden am 9. Aw1492 das Land verlassen. Am 9. Aw 1914 begann der Erste Weltkrieg, der für die osteuropäischen Juden folgenschwer wurde.

Trost in aller Trauer
Der Schabbat nach dem 9. Aw ist der Schabbat Nachamu (Schabbat des Trostes). Mit den Worten aus Jesaja 40,1 «Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott» wird daran erinnert, dass Gott bisher immer auf die Trauer seines Volkes geantwortet und es getröstet hat. Deshalb ist dies nach jüdischem Glauben auch der Tag, an dem der Messias erscheinen und Israel in die Erlösung und Vollendung führen wird. Die Stämme Israel und Juda werden wieder in Israel vereinigt, Harmonie und Frieden werden auf Erden herrschen. Zur Zeit des Messias soll dann auch der dritte und letzte Tempel Israels gebaut werden als Zeichen und Zentrum des Heils für Israel und für die Völker.

Der Israelsonntag
Das Gedenken an die Zerstörung Jerusalems fand im christlichen Kalender Eingang am 10. Sonntag nach Trinitatis, auch «Israelsonntag » genannt. Luther setzte diesen Tag zu Beginn der Reformation ein, um sich mit den Juden solidarisch zu erklären. Zuerst wurde er «Jerusalem-Gedenktag» genannt. Der Inhalt dieses Sonntags wurde in der Geschichte unterschiedlich verstanden. In der Nachreformation entwickelte sich eine Ablehnung gegenüber allem Nichtprotestantischen. So wurde der 9. Aw ein Tag der Mahnung, der aufzeigen sollte, wie Gott straft. Die Bibellese wurde dementsprechend gestaltet. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Evangelische Kirche Deutschlands eine Kommission ein, die die Texte und Lieder zum Israelsonntag überprüfte und veränderte. Auch wurde der Israelsonntag zeitweise benutzt, um sich gegenüber Israel abzugrenzen und sich selbst als neues Israel zu proklamieren. Deshalb werden in vielen Landeskirchen unterschiedliche Liturgien zum Israelsonntag verwendet. Dabei könnte der Israelsonntag ein Tag der Solidarität mit dem Volk der Bibel, den Juden, sein – ein Tag der Trauer und Buße im Bekenntnis des eigenen Versagens, auch gegenüber dem jüdischen Volk. Gott selbst sagt: «Ich bin es, der euch tröstet» (Jesaja 51,12). Dazu fordert er auch uns auf: «Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihm zu, dass seine Frondienste vollendet, dass seine Schuld abgetragen ist! Denn es hat von der Hand des Herrn das Doppelte empfangen für all seine Sünden» (Jesja 40,1). Der Trost, den Christen in Jesus empfangen haben, gilt auch dem jüdischen Volk. Deshalb widmen einige Kirchen und Gemeinschaften den Israelsonntag der Solidarität mit den messianischen Juden, welche den Trost Gottes durch den Messias Jeschua (Jesus) erfahren haben.

Text: Hanspeter Obrist

Jüdische Feste:
Rosch HaSchana – Jüdisches Neujahr
Fasten des Gedalja
Jom Kippur – Der Versöhnungstag
Sukkot – Das Laubhüttenfest
Chanukka – Das jüdische Lichterfest
Tu BiSchwat – Das Neujahrsfest der Bäume
Purim – Ende des Antisemitismus – Überwindung vom Fremdartigen
Pessach / Passah – Die Befreiung
Tischa BeAw – Tröstet mein Volk
Unzählbare Feste doch nur drei gesetzliche Feiertage in Israel

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