Gott hält sich nicht an unseren Endzeitplan

Immer wieder tauchen neue Endzeitspekulationen auf und verunsichern Christen. Meist verändern sich diese Hypothesen jedoch schon nach kurzer Zeit und passen sich neuen Gegebenheiten an. Durch die Jahrhunderte entstanden so unter den Christen vier große Endzeittheorien. Wie kam es dazu?

 

Jesus versprach, zurückzukommen
Jesus versprach seinen Jüngern, dass er auf diese Erde zurückkommt  (Johannes 14,3; Apostelgeschichte 1,11; Offenbarung 22,12-13). Die Bibel berichtet von verschiedenen Zeichen und Ereignissen, die der Wiederkunft Jesu vorausgehen werden. Dennoch ist unklar, wie genau  das alles geschehen wird. Immer wieder wurde versucht, die Prophezeiungen der Bibel miteinander zu verknüpfen und einen endzeitlichen Plan zu entwerfen. In allem können wir eines festhalten: Die Bibel ist kein Fahrplan, sondern enthält Gottes Heilsplan. Sie will aufzeigen, wie wir uns heute mit Gott versöhnen können. Sie ermutigt uns an keiner Stelle zu Spekulationen darüber, wie viel Zeit wir dafür noch haben. So sagte auch Jesus: „Den Tag und die Stunde weiß allein mein Vater“ (Matthäus 24,36). Dennoch haben sich durch die Jahrhunderte verschiedene endzeitliche Erwartungen herausgebildet.

Jüdische Messiaserwartungen
Im jüdischen Umfeld wird der Messias meist nicht als Erlöser der einzelnen Seele angesehen. Er wird vielmehr als Herrscher betrachtet, der für Gerechtigkeit in der Gesellschaft sorgt und Frieden zwischen den Völkern  stiftet. Im jüdischen Umfeld gab es bereits sehr viele Messiasgestalten. Einige bekannte davon sind Bar Kochba, Sabbatai Zwi und Rebbe Menachem Mendel Schneerson. Die jüdische Messiaserwartung erlebte im Laufe der Geschichte viele Enttäuschungen, ist aber immer noch lebendig.

Der Prämillennialismus
In den ersten drei Jahrhunderten nach Jesus Tod, Auferstehung und Auffahrt zum Vater erwarteten die Christen seine baldige Wiederkunft. Sie glaubten, dass Jesus auf diese Erde zurückkommt und ein irdisches 1000-jähriges Reich aufrichten wird (Prämillennialismus; Prä = vor / Millennialismus = Lehre von einem 1000-jährigen Reich, auch Millenarismus, Milleniarismus oder Chiliasmus genannt). Die Gläubigen sollen entrückt werden und innerhalb eines Augenblicks einen ewigen geistlichen Leib bekommen. Anschließend werden sie dann mit Jesus das 1000-jährige Reich aufrichten. In diesem Reich gehen die alttestamentlichen Verheißungen in Erfüllung, dass die Menschen und die Tiere wieder friedlich nebeneinander leben werden (Jesaja 11,6-9). Jesus  selbst wird dann von Jerusalem aus die ganze Welt regieren. Am Ende der Zeit dieses Reiches wird der Teufel noch einmal losgelassen werden, um die ganze Menschheit zu verführen (Offenbarung 20). So kommt es abschließend zum letzten Gericht. Danach werden alle, die treu zu Gott gehalten haben, in sein ewiges Reich eingehen.

Der Amillennialismus
Ab dem 4. Jahrhundert wurden der christliche Glaube und die Kirche im römischen Reich offiziell anerkannt. Am 28. Februar 380 n. Chr. erklärte Kaiser Theodosius den christlichen Glauben zur Staatsreligion. Es entstand eine christliche Staatskirche. Die Kirchenväter sahen nun die Verheißung von Offenbarung 20 in Erfüllung gehen, da der Teufel das „Reich Gottes“ nicht mehr behindern konnte und die Kirche selbst die damalige Welt prägte. Im Konzil von Ephesus (431 n.Chr.) wurde der Glaube an ein zukünftiges Reich als Irrlehre verurteilt (vgl. kath. Katechismus, Paragraph 676).

Der Glaube, dass Jesus selbst auf diese Welt kommt und ein christliches Reich aufrichtet, war überholt. Somit entstand der Amillennialismus (oder Amillenarismus), der die Existenz eines irdischen, 1000-jährigen Reiches verneinte. Nach dieser Lehre wird Jesus bei seiner Wiederkunft Gericht halten. Die Menschen gehen dann entweder in die ewige Herrlichkeit oder aber in die Gottesferne ein. Die Entrückung, die Wiederkunft und das Gericht wurden als ein einziges Ereignis verstanden.

Es ist schon erstaunlich, dass die Kirche über 1000 Jahre die ganze damalige Welt prägte. Das Traurige dabei ist aber, dass sich die Kirche dabei immer mehr von ihren Wurzeln entfernte und ihr eigenes Verständnis vom Reich Gottes sogar mit Gewalt durchsetzte.

Durch die Reformation 1517 wurde die Bibel auch der breiten Masse in ihrer Sprache zugänglich. In der Folge glaubten einzelne Christen wieder vermehrt an ein 1000-jähriges Reich auf Erden. Dabei verstand man sich selbst als das „neue Israel“. Die Bibel legte man erneut wörtlich aus und hielt die Prophezeiungen nicht nur für bildhafte und symbolische Reden.
In Münster gab sich um 1534 Jan Beuckelsson als König von Zion  aus. Er führte einen sehr unmoralischen Lebenswandel und änderte die Zeiten der Feiertage. Durch dieses Ereignis mitgeprägt, hielten die Reformatoren am Amillennialismus fest. Calvin bezeichnete die Anhänger des irdischen 1000-jährigen Reiches sogar als unwissend und niederträchtig.

Im 17. Jahrhundert kam die Lehre vom Prämillennialismus  wieder verstärkt auf. Vertreten wurde diese Vorstellung vor allem von stark bibelorientierten Christen, u.a. von J. A. Bengel. In dieser Bewegung meinte man den Ort und die Zeit der Wiederkunft Christi zu wissen, was sich später als Irrtum herausstellte.

Der Postmillennialismus
Unter Daniel Whitby (1638-1726) entstand eine neue Lehre, der Postmillennialismus (oder Postmillenarismus). Whitby vertrat die Meinung, das 1000-jährige Reich entstehe durch die Umkehr aller Menschen zu Gott. Er war davon überzeugt, das Friedensreich stehe noch aus und werde durch Mission und Evangelisation aufgerichtet. Erst dann, nach dieser Friedenszeit, käme Jesus auf die Erde zurück (Post = nach).
Dieses Weltbild sorgte dafür, dass die Verkündigung von der Botschaft Jesu wieder aufgenommen wurde. Auch heute spricht man vielerorts noch von einer weltweiten Erweckung, die der Wiederkunft Christi vorausgeht. Die Bibel sagt aber, dass trotz weltweiter Verkündigung der Botschaft von Jesus die Gottlosigkeit in der Welt zunehmen wird (Matthäus 24,12-14).

Der Dispensationalismus
Im 19. Jh. begründete John Nelson Darby (1800-1882) eine neue Theorie über das 1000-jährige Reich. Ausgehend vom Prämillennialismus sah er zwischen der Entrückung und der Wiederkunft Jesu eine Zeit von sieben Jahren. Nach seiner Vorstellung werden sich die gläubigen Christen während der Jahre der Gerichte Gottes und des Antichristen nicht mehr auf dieser Erde befinden. Darby teilte die ganze Geschichte der Menschheit in verschiedene Heilszeitalter ein. Seine Lehre wurde daher als Dispensationalismus (engl. dispensation = Heilsordnung) bekannt. Israel spielt in den Heilszeitaltern eine entscheidende Rolle, da hier wie im Prämillennialismus die sichtbare Herrschaft Jesu in Jerusalem erwartet wird.

Diese Lehre breitete sich vor allem im europäischen Raum stark aus. Heute gibt es auch Vertreter des Dispensationalismus, die glauben, dass die Entrückung erst in der Mitte der siebenjährigen Trübsalszeit erfolgen wird.

Was es zu bedenken gibt
Alle vier Lehren werden noch heute weltweit in unterschiedlichen Formen vertreten. Jede Gruppierung bringt gute biblische Argumente für ihre Auslegung vor. Am Auslegungsverständnis der Offenbarung gehen die Meinungen jedoch auseinander. Die einen meinen, die Offenbarung sei ein chronologisches Buch. Die anderen sehen in der Offenbarung verschiedene Visionen, die zum Teil in Bildern und zum Teil durch Symbole das Gleiche beschreiben. Hier kann man sich in endlosen Diskussionen verlieren.

 Gemeinsamkeiten aller Theorien
Alle Theorien teilen gemeinsam folgende Auffassung:
1) Jesus kommt wieder.
2) Gott hat die Kontrolle über die Welt nicht verloren.
3) Gott wirbt um die Menschen, auch wenn manches Leid auf der Erde geschieht.
4) Diese Erde wird einmal untergehen, doch es wird eine neue, vollkommene Welt geben.

Gedankenanstoß
Bei manchen alttestamentlichen Verheißungen würde man nicht automatisch  auf ihre Erfüllung schließen, so wie sie mit Jesus geschah und er sie selber verstand. Auch die Jünger Jesu konnten die Erfüllung der Prophetien nicht in seiner Kreuzigung erkennen, bis Jesus sie ihnen selbst erklärte  und ihnen die Augen für eine neue Sichtweise öffnete. So müssen auch wir mit Prophetien vorsichtig umgehen, denn Gott erfüllt sie auf seine Weise.

Die Gefahren von Endzeittheorien
Die Gefahr von Endzeittheorien besteht darin, dass man aus einzelnen Bibelstellen ganze Konzepte entwickelt. Man interpretiert die Bibel und das Zeitgeschehen durch seine eigene Brille. Bibelstellen und Zeitereignisse, die den eigenen Endzeitplan stützen, werden zitiert, andere  hingegen werden ignoriert. Es entsteht eine selektive Wahrnehmung  oder man vermutet Verschwörungen. Bei jedem sozialen System, gibt es eine formelle und eine informelle Ebene (siehe Prediger 9,15). Verschwörung  ist eine bösartige informelle Ebene, bei der man trotz besseren Wissens, irreführende Ratschläge gibt. Prophetie hat nichts mit Verschwörung zu tun, sondern mit dem Wissen, dass Gott alles in der Hand hat. „Wie ein Wasserbach ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er lenkt es, wohin er will“ (Sprüche 21,1). „Denn Gott lenkt ihr Herz so, dass sie seinen Plan ausführen“ (Offenbarung 17,17). Was mich besonders irritiert, dass Menschen einander böswillige Absichten unterstellen. Mit Halbwahrheiten arbeiten. Dinge verdrehen oder sich über andere lustig machen.

Was wir lernen können
Die geschichtliche Betrachtung lehrt mich, dass wir nicht selbstsicher behaupten sollen, was geschehen wird. Alle Erkenntnis ist Stückwerk – auch meine eigene.

Jesus sagte: Niemand weiß, wann das Ende kommen wird. Keiner kennt den Tag oder die Stunde, auch nicht die Engel im Himmel, ja nicht einmal der Sohn Gottes. Allein der Vater kennt den Zeitpunkt“ (Matthäus 24,36). Und in Matthäus 24,36 heißt es: „Darum seid auch ihr bereit! Denn der Sohn des Menschen kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht meint.“

Wir sollten jederzeit bereit sein, aber uns nicht auf ein Datum fixieren. 

Zu den Grafiken:

https://www.obrist-impulse.net/gott-halt-sich-nicht-an-unseren-endzeitplan

 

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